Die unsichtbare Gefahr für die Haut von Lackierern
Als Autolackierer sind deine Hände dein wichtigstes Werkzeug. Sie sind aber auch täglich einer Vielzahl von Belastungen ausgesetzt, die oft unterschätzt werden. Die menschliche Haut dient als natürliche Schutzbarriere, doch im Werkstattalltag stößt dieser Schutz an seine Grenzen. Der ständige Umgang mit chemischen Produkten, mechanische Reizungen durch Stäube und das Tragen von Handschuhen über längere Zeit können die Hautbarriere nachhaltig beeinträchtigen. Oft beginnen die Probleme schleichend, können aber zu ernsthaften Hauterkrankungen führen. Dieser Artikel erklärt die Risiken und zeigt dir, wie du deine Haut durch ein systematisches Schutzkonzept gesund halten kannst.
Das Wichtigste in Kürze
- Lackieren belastet die Hände durch Chemikalien und Schleifstaub extrem. Ohne passendes Konzept riskierst du langfristige Hauterkrankungen oder Allergien.
- Setze vor Arbeitsbeginn konsequent auf geeignete Schutzhandschuhe und unterstützende Cremes. Diese bilden deine wichtigste Barriere gegen eindringende Schadstoffe.
- Verzichte bei der Reinigung deiner Haut strikt auf aggressive Verdünnung oder Bremsenreiniger. Nutze stattdessen schonende, pH-hautneutrale Handreiniger mit natürlichen Reibekörpern.
- Pflege deine Hände nach Feierabend mit einer rückfettenden Creme. So gibst du der Haut verlorene Feuchtigkeit zurück und unterstützt die nächtliche Regeneration.
Inhaltsverzeichnis

Die dreifache Belastung: Gefahrenquellen in der Lackierwerkstatt
Beim Lackieren wirken oft mehrere Faktoren gleichzeitig auf deine Haut ein. Man kann hier von einer dreifachen Belastung sprechen, die aus chemischen, mechanischen und prozessbedingten Risiken besteht.
Chemische Belastungen: Lösemittel, Isocyanate und Harze
Der offensichtlichste Stressfaktor für deine Haut sind die Chemikalien. Besonders der Kontakt von Lösemitteln mit der Haut ist problematisch. Substanzen wie Verdünner entziehen der Haut ihre natürlichen Fette und trocknen sie stark aus, was zu trockenen Händen führen kann. Noch kritischer ist der Umgang mit Isocyanaten. Diese Härter sind nicht nur beim Einatmen gefährlich. Sie können auch über die Haut aufgenommen werden und eine Sensibilisierung durch Isocyanate auslösen. Das bedeutet, dein Körper kann eine Allergie entwickeln, die dich im schlimmsten Fall zwingt, den Beruf aufzugeben. Ein bewusster Hautschutz vor Isocyanaten ist daher unerlässlich.
Mechanische Belastungen: Schleifstaub als Schmirgelpapier
Beim Schleifen von Füllern oder Spachtelmasse entsteht ein feiner Staub. Dieser Schleifstaub wirkt auf deiner Haut wie ein feines Schmirgelpapier. Er reibt die oberste Hautschicht auf und verursacht winzige Verletzungen. Diese mechanische Reizung schwächt die Hautbarriere und macht sie durchlässiger für die chemischen Stoffe aus dem vorigen Punkt.
Prozessbedingte Risiken: Das Paradoxon der Schutzausrüstung (Feuchtarbeit)
Das Tragen von flüssigkeitsdichten Schutzhandschuhen, die für den Lackierer absolut notwendig sind, bringt ebenfalls ein eigenes Risiko mit sich: Feuchtarbeit. Da unter dem Handschuh keine Luft zirkuliert, staut sich der Schweiß. Diese ständige Feuchtigkeit führt zum Aufquellen der Haut, einem Prozess, der als Mazeration der Haut unter Handschuhen bekannt ist. Die aufgequollene Haut ist weicher und ihre Barrierefunktion ist geschwächt. Das macht sie anfälliger, falls doch einmal Schadstoffe unter den Handschuh gelangen.
Diese Kombination aus chemischen, mechanischen und feuchtigkeitsbedingten Einflüssen setzt deiner Haut dauerhaft zu. Wenn die natürliche Schutzfunktion überlastet ist, können die Folgen gravierend sein.
Die mögliche Folge: Berufsdermatose – Wenn die Haut „kündigt“
Wenn die Hautbarriere durch die ständigen Belastungen dauerhaft geschwächt ist, kann sie ihre Schutzfunktion nicht mehr erfüllen. Die Folgen beginnen oft schleichend: Die Haut wird trocken, rissig, juckt und rötet sich. Ignorierst du diese ersten Warnsignale, kann sich daraus ein chronisches Handekzem entwickeln, wie es beim Lackierer leider häufig vorkommt. Solche Hauterkrankungen sind nicht nur schmerzhaft und unangenehm, sie gelten auch als die häufigste Berufskrankheit bei Lackierern, die die Haut betrifft. Im schlimmsten Fall kann eine solche Berufsdermatose dazu führen, dass du deinen Beruf nicht mehr ausüben kannst.
Damit es gar nicht erst so weit kommt, ist ein systematisches und durchgängiges Schutzkonzept entscheidend.
Das professionelle Drei-Säulen-Modell des Hautschutzes
Um deine Haut dauerhaft gesund zu erhalten, reichen einzelne Maßnahmen nicht aus. Der Schlüssel liegt in einem systematischen Ansatz, der sich in der Arbeitsdermatologie bewährt hat: das Drei-Säulen-Modell. Es besteht aus drei Phasen, die fließend ineinandergreifen.
Säule 1: Präventiver Schutz
Hier geht es um alle Maßnahmen, die du vor Arbeitsbeginn und vor dem Kontakt mit Schadstoffen ergreifst. Dazu gehört das Auftragen von Hautschutzmitteln und das korrekte Anlegen deiner persönlichen Schutzausrüstung, insbesondere der Handschuhe.
Säule 2: Belastungsorientierte Hautreinigung
Diese Säule beschreibt die richtige Art, deine Hände zu waschen, wenn sie verschmutzt sind. Ziel ist es, Lacke, Stäube und Öle effektiv zu entfernen, ohne die Haut dabei zusätzlich zu schädigen.
Säule 3: Regenerierende Hautpflege
Nach der Arbeit ist vor der Arbeit. Die dritte Säule konzentriert sich darauf, der Haut die Fette und die Feuchtigkeit zurückzugeben, die sie über den Tag verloren hat. So kann sie sich über Nacht reparieren und ist für den nächsten Tag gewappnet.

Der Hautschutzplan und die gegenseitige Abhängigkeit der Säulen
Diese drei Säulen funktionieren nur im Team. Stell es dir wie ein Zahnradsystem vor: Greift ein Rad nicht, stockt der ganze Motor. Lässt du zum Beispiel Säule 1 (Schutz) weg, dringt Schmutz tief in die Haut ein. Dadurch musst du in Säule 2 (Reinigung) zu aggressiveren Mitteln greifen, was die Haut stark angreift. Lässt du Säule 3 (Pflege) aus, startet deine Haut bereits geschwächt in den nächsten Tag, wodurch der Schutz aus Säule 1 nicht mehr richtig wirken kann.
All diese Schritte werden idealerweise in einem Hautschutzplan festgehalten, der genau definiert, welches Produkt wann und wie zu verwenden ist.
Schauen wir uns nun die erste und vielleicht wichtigste Säule im Detail an.
Säule 1 im Detail: Präventiver Schutz (Der „Klarlack“ für die Haut)
Der beste Weg, Hautschäden zu verhindern, ist, den Kontakt mit Schadstoffen von vornherein zu blockieren. Das ist das Ziel von Säule 1. Sie besteht aus zwei Verteidigungslinien: der physischen Barriere (Handschuhe) und einer unterstützenden Barriere (Creme).
Priorität 1: Persönliche Schutzausrüstung (PSA) – Der Handschuh
Machen wir uns nichts vor: Eine Creme kann niemals einen Handschuh ersetzen. Die Schutzhandschuhe sind für dich als Lackierer die absolut wichtigste Barriere gegen Chemikalien. Die Frage nach den richtigen Handschuhen ist daher entscheidend. Du benötigst spezielle Chemikalienschutzhandschuhe, die der Norm EN 374 entsprechen. Diese Norm zeigt dir, dass der Handschuh gegen Chemikalien getestet wurde. Achte auf die Angaben des Herstellers, wie lange der Handschuh gegen bestimmte Stoffe (wie Lösemittel oder Isocyanate) schützt, bevor diese ihn durchdringen.
Einen tiefen Einblick in die verschiedenen Materialien und konkrete Entscheidungshilfen findest du in unserem Beitrag Lackierhandschuhe: Überblick, Unterschiede und Praxistipps.
Priorität 2: Hautschutzcremes (Die „Grundierung“ für die Haut)
Die Hautschutzcreme, die du vor der Arbeit aufträgst, ist die zweite Verteidigungslinie. Sie bildet einen Film auf der Haut, der das tiefe Eindringen von Schmutzpartikeln erschwert und die spätere Reinigung erheblich erleichtert.
Das richtige System: O/W- vs. W/O-Emulsionen
Es gibt unterschiedliche Cremetypen für verschiedene Belastungen. Arbeitest du hauptsächlich mit wasserlöslichen Stoffen (z.B. Wasserbasislacke, wässrige Reiniger), ist eine W/O-Emulsion (Wasser-in-Öl) sinnvoll, da sie wasserabweisend wirkt. Arbeitest du hingegen mit nicht-wasserlöslichen Stoffen wie Ölen, Fetten und klassischen Lösemitteln, ist eine O/W-Emulsion (Öl-in-Wasser) oft die bessere Wahl, da sie sich nicht mit den Fetten verbindet. Für den wechselnden Alltag in der Werkstatt gibt es auch universelle Cremes.
Spezialanwendung: Schutz unter dem Handschuh (Mazeration)
Ein bekanntes Problem beim Tragen dichter Handschuhe ist das Aufquellen der Haut durch Schweiß, die sogenannte Mazeration der Haut durch Handschuhe. Die Haut wird weich und anfällig. Es gibt spezielle Hautschutzprodukte, die genau hier ansetzen. Sie können helfen, die Hautstruktur zu festigen und das Aufquellen zu reduzieren. Diese trägst du vor dem Anziehen der Handschuhe auf die sauberen und absolut trockenen Hände auf.
Selbst mit dem besten Schutz lässt es sich nicht immer vermeiden, dass die Hände verschmutzt werden. Damit kommen wir zur zweiten Säule: der richtigen Reinigung.
Säule 2 im Detail: Schonende Hautreinigung (Die „Kontaminations-Schleuse“)
Die professionelle Hautreinigung ist ein weiterer entscheidender Schritt. Wenn du nach dem Lackieren deine Handschuhe ausgezogen hast, geht es darum, alle Rückstände sicher zu entfernen. Hier gilt der Grundsatz: „So sanft wie möglich, so stark wie nötig.“
Absolute Tabus: Was niemals an die Haut darf (Lösemittel, Bremsenreiniger)
Es muss klar gesagt werden: Die Hände mit Verdünnung zu waschen oder Bremsenreiniger zu benutzen, ist ein absolutes No-Go. Diese Substanzen sind extrem aggressive Entfetter. Sie lösen nicht nur den Lack, sondern auch die Lipidschicht deiner Haut auf. Die Frage „was tun gegen Lösemittel auf der Haut?“ darf niemals mit noch mehr Lösemittel beantwortet werden. Damit schädigst du deine Haut massiv und machst sie wehrlos.
Der professionelle Ansatz: „So sanft wie möglich“
Die professionelle Art, die Hände nach der Lackarbeit zu reinigen, sieht anders aus. Ziel ist es, den Schmutz zu entfernen, ohne die Haut anzugreifen. Moderne Hautreiniger sind genau dafür entwickelt worden.
Merkmal 1: Lösungsmittelfreie Reiniger
Gute Handreiniger für Lackierer benötigen keine aggressiven Lösemittel. Sie arbeiten stattdessen mit speziellen Emulgatoren, die Öle und Lackpartikel binden, sodass sie mit Wasser abwaschbar werden.
Merkmal 2: pH-hautneutrale Formulierungen
Deine Haut hat einen natürlichen Säureschutzmantel (pH-Wert ca. 5,5). Alkalische Seifen zerstören diesen Schutzfilm. Achte daher auf Produkte, die als „pH-hautneutral“ oder „hautangepasst“ gekennzeichnet sind.
Merkmal 3: Intelligente Reibekörper (z.B. Walnussschalenmehl)
Um hartnäckigen Schmutz zu lösen, ist oft mechanische Unterstützung nötig. Tabu sind Sand oder scharfkantiges Plastikgranulat, die Mikrorisse verursachen. Moderne Reiniger setzen auf intelligente, natürliche Reibekörper wie feines Walnussschalen- oder Maismehl, die effektiv reinigen, ohne die Haut zu sehr zu verletzen.
Nachdem deine Hände nun sauber sind, folgt der letzte und leider oft vernachlässigte Schritt: die Reparatur der Haut.
Säule 3 im Detail: Regenerative Hautpflege (Die „Reparatur-Lackierung“)
Jeder Arbeitstag ist für deine Haut Stress. Selbst die schonendste Reinigung entzieht ihr Fette und Feuchtigkeit. Die dritte Säule ist die Phase der Regeneration, in der du deiner Haut zurückgibst, was sie verloren hat.
Zweck der Pflege: Regeneration statt Kosmetik
Die Hautpflege nach der Arbeit ist keine kosmetische Maßnahme, sondern eine Notwendigkeit. Es geht darum, die Hautbarriere über Nacht zu reparieren, Mikrorisse zu schließen und Entzündungen vorzubeugen. Nur eine regenerierte Haut ist am nächsten Morgen wieder widerstandsfähig.
Der richtige Zeitpunkt: Nach der Arbeit
Pflegecremes gehören an den Feierabend. Du trägst sie auf die sauberen und vollständig getrockneten Hände auf. Während der Arbeit wären sie kontraproduktiv: Sie würden die Griffigkeit von Werkzeugen reduzieren und könnten Schadstoffe leichter in die Haut einschleusen.
Das Prinzip: „Rückfettung“ und Feuchtigkeit
Wenn du als Lackierer häufig trockene Hände hast, ist das ein klares Warnsignal. Deine Hautbarriere braucht Unterstützung. Das Ziel der Pflege ist die „Rückfettung“. Eine gute rückfettende Creme spendet nicht nur Feuchtigkeit, sondern liefert auch die Fette (Lipide) zurück, die durch Lösemittel und Reiniger herausgewaschen wurden.
Wichtige Wirkstoff-Kategorien (Panthenol, Urea, Ceramide)
Moderne Pflegecremes enthalten Wirkstoffe, die diesen Prozess aktiv unterstützen:
- Panthenol (Provitamin B5) ist bekannt dafür, die Zellneubildung zu fördern und gereizte Haut zu beruhigen.
- Urea (Harnstoff) ist ein hervorragender Feuchtigkeitsbinder, der hilft, Wasser in den oberen Hautschichten zu speichern.
- Ceramide sind selbst ein natürlicher Bestandteil deiner Hautbarriere. Sie wirken wie Mörtel zwischen den Hautzellen und helfen, die Schutzschicht wieder aufzubauen.
Mit diesem Drei-Säulen-System bist du umfassend aufgestellt. Fassen wir zum Schluss noch einmal zusammen, warum sich dieser Aufwand lohnt.
Zusammenfassung: Hautschutz ist Karriere-Schutz
Deine Hände sind dein wichtigstes Werkzeug. Eine intakte Haut ist die Grundvoraussetzung für Präzision und Qualität in deinem Beruf. Die Gefahr einer Berufskrankheit für Lackierer, die die Haut betrifft, keine Seltenheit, sondern ein reales Risiko, das durch tägliche Belastungen entsteht.
Eine Sensibilisierung durch Isocyanate über die Haut oder ein chronisches Handekzem sind oft das schleichende Ergebnis von jahrelanger, unsichtbarer Belastung. Wenn die Symptome erst einmal da sind, ist der Schaden oft schon groß.
Deshalb ist Hautschutz keine Option, sondern ein zentraler Teil deiner Professionalität. Der Hautschutzplan mit seinen drei Säulen (Schutz, Reinigung und Pflege) ist dein wichtigstes Instrument, um deine Gesundheit und damit deine berufliche Zukunft zu sichern. Die konsequente Anwendung schützt dich nicht nur vor trockenen Händen, sondern sichert langfristig deine Arbeitsfähigkeit.
Die richtigen Schutzhandschuhe und ein konsequenter Hautschutzplan sind also entscheidende Bausteine für deine Sicherheit. Aber zu einer kompletten Schutzausrüstung gehört oft mehr als nur der Schutz der Hände. Um dich von Kopf bis Fuß zu schützen, lies direkt weiter in unserem umfassenden Guide: Arbeitsschutz beim Lackieren: PSA-Guide für deine Gesundheit.